Vom Sonnengott zu Gottes Sohn

Konstantin war ein Christ. Zumindest, so behauptet es u. a. Eusebius (Eus. vita Const. 4, 61-64), lies er sich im Jahr 337 n. Chr. auf dem Totenbett taufen. Bereits deutlich früher begann jedoch die Förderung des christlichen Glaubens. Durch die Unterzeichnung des Mailänder Ediktes beendete er für ca. 4 Millionen Christen Jahrhunderte qualvoller Verfolgung und kippte praktisch über Nacht die vielen dezidiert antichristlichen Gesetze. Die einst unterdrückte Minderheit (vermutlich 10% der Reichsbevölkerung) enthielt nicht nur angemessene Entschädigungen, sondern sogar gesetzliche Vorteile und ein staatliches Kirchenbauprogramm.

Mit der Einberufung des Konzils von Nicäa wiederum war Konstantin maßgeblich an der Vereinheitlichung des christlichen Glaubens beteiligt: Durch diesen Akt erkannte der Kaiser die religiöse Organisationsstruktur des Christentums offiziell an und verlieh ihr staatliche Legitimität.

Fragt man die antiken Kirchenhistoriker, so begann seine Bekehrung mit einer weiteren göttlichen Erscheinung im Jahre 312 n. Chr. kurz vor der entscheidenden Schlacht gegen seine Rivalen Maxentius an der Milvischen Brücke:

„Konstantin ward im Traume ermahnt, das himmlische Zeichen Gottes auf den Schildern anbringen zu lassen und so die Schlacht zu beginnen. Er kommt dem Befehle nach, und indem er den Buchstaben X waagerecht legte und die oberste Spitze umbog, zeichnete er Chr(istus) auf die Schilde. Mit diesem Zeichen gewaffnet, greift das Heer zum Schwert.“

(Lact. De mort. pers. 44,1,6 übers. v. Aloys Hartl)

Für die kontemporären christlichen Autoren steht fest: Bei dieser Stimme handelt es sich um keine geringere als die des Allmächtigen höchstpersönlich. Der triumphale Sieg entlohnt den Kaiser für sein Vertrauen in den neuen Konkurrenten des Sol – der wahre Gott ist stets der, der den Sieg zu bringen vermag.


Darstellung der Schlacht an der Milvischen Brücke 312 n. Chr. an der Südostseite des Konstantinbogens: Die auf der Brücke (links im Bild) stehenden Truppen des Konstantin (im Hintergrund) treiben die Truppen des Maxentius in die Fluten (im Vordergrund)
CC 3.0: Dietmar Rabich

 

Eine große Herausforderung in der Betrachtung der Religion des Kaisers stellt der Umstand dar, dass sich in Folge der fortschreitenden Christianisierung auch primär die Überlieferungen durchsetzen konnten, die dieser Perspektive entsprachen. Jegliche Aspekte konstantinischen Handelns wurden somit in diesem Lichte interpretiert.

Das beste Beispiel präsentiert wohl das im Text erwähnte Symbol auf den Schilden der konstantinischen Soldaten. Oft als griechisches Kreuz, Christogramm oder Staurogramm rekonstruiert, ziehen einige antike und moderne Historiker eine direkte Kontinuität zu Abbildungen dieser Zeichen auf späteren Münzen des Konstantin. Zum einen wäre da im Jahr 315 n. Chr. das Christogramm auf dem ersten Zierstein des kaiserlichen Helmes, zum anderen selbige Darstellung als Spitze eines labarums (Feldzeichen) 327 n. Chr (beide sind weiter unten abgebildet). Die Bestandteile Chi (Χ) und Rho (Ρ) des Monogrammes bilden als griechische Buchstaben den Namen „Christus“.

Christogramm (Chi-Rho)

Staurogramm

CC 4.0: Kwamikagami

Griechisches Kreuz

CC 4.0: Kwamikagami

 

Fest steht, dass die Kreuzsymbole und Monogramme zu einem bestimmten Zeitpunkt im 4. Jh. n. Chr. als unverkennbar christliche Symbole wahrgenommen wurden. Da sie jedoch in diesen früheren Darstellungen das erste Mal auftraten, ist nicht gesichert, ob dies bereits 315 n. Chr. der Fall war.

Weil das unten abgebildete Medaillon z.B. in Ticinum (Italien) geprägt wurde, wäre es möglich die Buchstaben eher als lateinisch P und X zu lesen und zu dem beflügelten Wort „P(A)X“ (lat. Frieden) zu vervollständigen. Vielleicht beabsichtigte der Kaiser in voller militärischer Montur (unten links) oder durch den symbolisierten Sieg über den Feind in Gestalt einer bösartigen Schlange (unten rechts) auch die Sicherheit und den durch ihn errungenen Frieden zu betonen? Eine beabsichtigte Doppeldeutigkeit befindet sich stets im Rahmen des Vorstellbaren.

Silbermedaillon des Kostantin (Avers), Ticinum 315 n. Chr., Staatliche Münzsammlung München, Inv. A003

Follis des Kostantin (Revers), Konstantinopel 327 n. Chr., KHM Wien, Inv. RÖ 62178

RIC VII Konstantinopel 19

 

Bis in das 4. Jahrhundert hinein tritt das Christogramm auch im gegensätzlichen Zusammenhang mit Darstellungen des Sol und der Luna – also der alten Götter – auf. Auch damals schon erhielt die Bevölkerung keine Anleitung, wie sie die Münzen ihres Kaisers zu deuten hatte.

Welches Erbe hinterlässt denn nun Konstantins Religionspolitik zwischen Sol Invictus und Christus?

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Weiterführende Literatur:

Eus. vita Const.: Eusebius, de vita Constantini, Life of Constantine. übers. v. A. Cameron und S. G. Hall, Oxford 1999.

Lact. De mort. pers.: Lactans, De mortibus persecutorum, Von den Todesarten der Verfolger. Bibliothek der Kirchenväter 36, 1 Bd., übers. v. A. Hartl, München 1919.

 

 

Jonas Wendtland, 6. Bachelorsemester, Universität Heidelberg

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