Das Beste beider Welten
War Konstantin Christ oder blieb er den alten Göttern treu? Vielleicht war er auch beides, oder eben keines von beiden? Konstantin veränderte seine Ansichten im Laufe seiner Herrschaft – endgültig zu fassen ist nur seine Rolle als Kaiser und damit als Politiker und Vermittler zwischen den Welten. In letzterer war er unschlagbar, wie 36 Jahre reformgeprägter Herrschaft, die Einrichtung einer neuen, bis 1453 fortbestehenden Hauptstadt und der friedliche Tod im hohen Alter zu belegen vermögen.
Wer Konstantinopel jedoch als christliche Idealstadt vermutet, der irrt. Lediglich eine große Kirche, versehen mit den Namen Eirene, errichtet Konstantin dort. Im urbanen Zentrum baut man stattdessen ein Säulenmonument zu Konstantins Ehren, an dem die Stadtbevölkerung dem Sonnenkaiser opferte.
Die Konstantinische Wende vollzieht sich langsam und bedacht. Gerade im Bereich der Münzprägung lässt Konstantin bei der Veränderung kaiserlicher Ikonographie Vorsicht walten. Götter haben auf seinen Münzbildern nach 326 n. Chr. keinen Platz mehr, die neue Bildsprache weiß jedoch ihre Eigenschaften durch eine Aneignung bereits bekannter Symbolik zu Nutzen. Die Grenze zwischen Sol und Augustus – vielleicht sogar Christus – verschwimmt und selbst die Christen arrangierten sich nach und nach mit dem einst unvereinbaren Kaiserkult. Schließlich gingen Nimbus und Sonnenverweise auch auf den Sohn Gottes über. Noch heute sprechen wir bei den Schutzpatronen der Kirche von einem „Heiligenschein“. Der heilige, arbeitsfreie Sonntag – auf lateinisch dies soli – und der Geburtstag Christi am 25. Dezember – Tag des Festes zum „dies natalis Invicti“ – gehen auf den römischen Gott der Sonne zurück.
Insgesamt wirkt es fast so, als wolle sich Konstantin nicht final für eine der Welten entscheiden. Sein Umgang mit der Religiosität gleicht regelrecht einem Synkretismus, also einer Verschmelzung verschiedener Kulte zu einem neuen, eigenständigen System. Die darstellerische Vielfalt und Uneindeutigkeit bot ihm den Vorteil, dass sich in der Deutung der neu geschaffenen Bildwelt keine der Religionen vor den Kopf gestoßen fühlen musste. Jeder Betrachter kam auf seine Kosten.
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Follis des Constans, Constantinus II., Constantius II. (Revers), Konstantinopel 337-340 n. Chr., KHM Wien, Inv. RÖ 62344 RIC VIII Konstantinopel 37; LRBC 1041 |
Ostseite des Konstantinsbogens, mit dem Tondo des Sol in einer aufsteigenden quadriga CC 2.0: bradhostetler |
In der durch seine Söhne ausgegebenen, letzten numismatischen Botschaft (siehe oben links) jedoch, offenbart er noch einmal eine enge Verbundenheit zu Sol Invictus. Auf einer quadriga reitet der verstorbene Kaiser seiner consecratio (Vergöttlichung) und der ausgestreckten Hand eines Gottes entgegen. Diese Motivik findet sich fast identisch nochmals auf einem Tondo an der östlichen Seitenwand des nach 312 n. Chr. errichteten Konstantinsbogens (rechte Abbildung oben). Zwar erfolgt dieses Bauvorhaben unmittelbar nach dem Sieg im angeblichen Zeichen des christlichen Gottes, doch strotzt dieses Monument nur so vor Sonnensymbolik.
Zuletzt schlüpft Konstantin in die Rolle seines ehemaligen Begleiters und reitet gen Himmel. Man könnte meinen, Sol begleite seinen ehemaligen comes (Begleiter) bis in den Tod.
Mit Konstantin endete eine Herrschaft, die von bislang unbekannter religiöser Offenheit und Toleranz geprägt war. Ausgerechnet seine christlich erzogenen Söhne leiteten nach dem Tod des „Großen“ die systematische Bekämpfung der traditionellen Kulte in die Wege. Wahrlich schuf der Sonnenkaiser die Voraussetzungen für den späteren Triumph des Christentums, doch sein Lebenswerk legt nahe, dass er sich dessen Durchsetzung vielleicht doch auf andere Weise vorgestellt hätte.
Jonas Wendtland, 6. Bachelorsemester, Universität Heidelberg