Die folgende traianische Restitutionsmünze führt uns in die mythische Vergangenheit. Und zwar zu einem der großen griechischen Helden, denn die Rückseite zeigt eine ergreifende Szene aus Homers Odyssee:
Nach zehn Jahren Krieg und weiteren zehn Jahren Irrfahrt kehrt der griechische Held Odysseus in seine Heimat Ithaka zurück. Dort findet er seinen Jagdhund Argos, den er bei seiner Abreise hatte zurücklassen müssen, in einem bemitleidenswerten Zustand vor: Alt, krank und zerzaust liegt er auf einem Misthaufen. Das treue Tier hatte all die Jahre auf die Rückkehr seines Herrn gewartet. In dem Augenblick, in dem er Odysseus erkennt, wedelt er noch kurz mit dem Schwanz, bevor er schließlich seinen letzten Atemzug macht.
Odysseus genoss in römischen Kreisen im Allgemeinen keinen besonders guten Ruf: Schließlich hatte er als Urheber der List mit dem Trojanischen Pferd den Untergang Trojas herbeigeführt – die Römer jedoch betrachteten den Trojaner Aeneas, der aus der brennenden Stadt geflüchtet war, als ihren Stammvater.
Gaius Limetanus, der Münzmeister der Originalmünze (M2), hatte allerdings einen positiv besetzten, persönlichen Bezug zu dem griechischen Helden: Seine Familie – das alte plebejische Geschlecht der Mamilier – sah Odysseus’ Sohn Telegonos als ihren Stammvater an.
Was mag nun Kaiser Traian dazu bewogen haben, das Motiv des heimgekehrten Odysseus und seines loyalen Hundes zu restituieren? Treue und die ersehnte Heimkehr nach einem langen Krieg waren durchaus Themen, die Traian vor dem Hintergrund seiner eigenen kriegerischen Erfahrungen vertraut gewesen sein dürften und anschlussfähig waren. So erschöpft sich der Reiz des Motivs auch nicht in einer möglichen politischen Aufladung, sondern liegt auch in der zeitlosen Emotionalität der erzählten Geschichte.
Franziska Nober, Universität Heidelberg