Nach der Ankunft des Theseus in Athen sind seine Abenteuer aber noch lange nicht auserzählt. Auch für die weiteren Taten liegen verschiedene literarische Versionen der Geschichte vor. Nach Apollodor (Apollod. 2,95) soll Theseus, noch bevor er die Gelegenheit hatte, seinen Vater Aigeus kennenzulernen, den marathonischen Stier bezwungen haben. Wie zuvor die Sau war auch der Stier eine das Land verwüstende Bestie, die die Einwohner in Angst und Schrecken versetzte. Nicht nur die Chronologie, sondern auch die Art und Weise des Tathergangs wird unterschiedlich erzählt. Im Aigeus des Sophokles (Soph. fr. 25 P.) heißt es, dass Theseus den Stier nicht getötet, sondern gefesselt habe. Isokrates berichtet (Isokr. or. 10,25), es sei der Meeresgott Poseidon gewesen, der den Stier auf Land und Volk losgelassen habe.
So sei es zunächst Herakles‘ Aufgabe gewesen, den Stier einzufangen und ihn zu Eurystheus zu bringen. Anschließend habe Herakles den Stier jedoch wieder freigelassen, welcher dann über den Isthmos nach Marathon kam. Nachdem Theseus den Stier überwältigt hatte, brachte er ihn nach Athen, wo er geopfert wurde.
Seit dem Hellenismus erzählen verschiedene Autoren, dass es Theseus‘ Stiefmutter Medea war, die Aigeus aufgefordert hatte, seinen Sohn gegen den Stier zu schicken. Insgeheim hoffte sie, der Stier würde Theseus umbringen und ihn somit als Widersacher beseitigen. Nachdem der junge Held aber auch diese Prüfung meistern konnte und Medeas Vorhaben aufgeflogen war, schickte König Aigeus sie ins Exil. Diese Version der Geschichte setzt voraus, dass die beiden bereits von Theseus‘ Ankunft in Athen erfahren und Aigeus seinen Sohn mithilfe der gnōrísmata erkannt hatte.
Meret Reinköster, 7. Bachelorsemester Alte Geschichte (Universität Heidelberg)