Sonnig mit Aussicht auf Bürgerkrieg

 

Im Sommer des Jahres 310 n. Chr. gelang Konstantin bei Massalia (heute Marseille) der entscheidende Sieg über Maximian, einen der letzten Vertreter der alten tetrarchischen Ordnung. Auf seinem Weg zurück an den Rhein macht der Trupp des Kaisers an einem Heiligtum des Apollo Grannus bei Grand halt. Überschattet wird dieser Zwischenstopp von einer Begegnung, die Konstantin nie wieder vergessen sollte. Die folgende Beschreibung entstammt einer Lobrede auf den Kaiser:

>> Du hast nämlich, wie ich glaube, Konstantin, deinen Apollon gesehen, der dir in Begleitung der Victoria Lorbeerkränze darreichte […] (Du bist) wie jener jung, froh, heilbringend und strahlend […] <<

(Paneg. Lat. 6 (7), 21, 3-6; Übers. B. Müller-Rettig)

Ein strahlender Apollo und eine Victoria, die dem frisch gebackenen Sieger nicht nur einen Lorbeerkranz reicht – nach dieser Vision steht für Konstantin eines fest: Seine Sieghaftigkeit kommt nicht von ungefähr. An seiner Seite steht eine leuchtende Gottheit und nur mit ihrer Gunst steht und fällt sein Erfolg. Nur handelt es sich in seinen Augen bei diesem Gefährten nicht etwa um Apollo, sondern eine Erscheinungsform des Sol Invictus – des unbesiegten Sonnengottes. Die in der Rede beschriebene Parallelisierung des Gottes mit Konstantin schlägt sich auch in der Bildkunst nieder. Nicht selten wird der Kaiser mit Attributen des Sonnengottes oder direkt mit ihm gemeinsam dargestellt.

Büste des Konstantin im Brustpanzer mit Lorbeerkranz, erhobener Hand und Weltkugel in der Linken, dahinter die Büste des Sol Invictus mit Strahlenkrone.
Legende: COMIS CONST-ANTINI AVG
Solidus des Kostantin (Avers), Ticinum 310-313 n. Chr., British Museum, Obj. 1863,0713.1; RIC VII Ticinum 53
© The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.

Noch im selben Jahr begann die Vorherrschaft des Sol auch in der konstantinischen Bronzeprägung, in der er – bis 318 n. Chr. – in einer „unerbitterlichen Monotonie“ (Berrens 2004, 153) inszeniert, als comes den Revers ziert. Somit löste sich der Kaiser nach seinem Sieg über Maximian nicht nur realpolitisch, sondern auch symbolisch und visuell aus der Herrschaftsstruktur der Tetrarchie. Ihrer polytheistischen Bildvielfalt stellte er den Kontrast eines nahezu monotheistischen Staatskultes gegenüber, dessen Mittelpunkt der strahlenbekränzte Sonnengott einnahm. Seinen Widersachern sendete er eine klare Nachricht: Die alte Weltordnung ist dem Untergang geweiht und in seiner neuen Ordnung gibt es nur Platz für einen Herrscher: Den Begleiter der unbesiegten Sonne. Diese Projektion von Stärke schuf ihm auch in den eigenen, zerstrittenen Reihen Legitimität. Von nun an nannte Konstantin auch sich selbst INVICTUS.

 

 

Jonas Wendtland, 5. Bachelorsemester, Universität Heidelberg

 

Weiterführende Literatur:

Berrens, Stephan: Sonnenkult und Kaisertum von den Severern bis zu Constantin I., Stuttgart 2004.

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