Der bedeutendste späte Theseus-Mythos ist die tragische Dreiecksbeziehung zwischen ihm, seiner Gemahlin Phaidra und seinem aus seiner Verbindung mit Antiope hervorgegangenen Sohn Hippolytos. Durch das Eingreifen der Liebesgötttin Aphrodite entbrennt Phaidra in verbotener Leidenschaft für ihren Stiefsohn. Als Hippolytos ihre Annäherung zurückweist, hinterlässt sie – ehe sie sich das Leben nimmt – eine Anklageschrift, die ihn zu Unrecht belastet. Theseus, geblendet vom vermeintlichen Verrat des Sohnes und ohne die Umstände weiter zu prüfen, ruft im Zorn mit einem Fluch den Meeresgott Poseidon an – ein Entschluss, der Hippolytos’ Schicksal besiegelt, wie es der griechische Dramatiker Euripides schildert:
„Ich kann nicht länger im Munde verschlossen bewahren
mein Leid, das so schwer zu ertragen, das tödlich ist!
O Vaterstadt!
Gewaltsam meine Ehe anzutasten wagte
Hippolytos, verachtete das hehre Auge
des Zeus! Doch hast du einstmals mir drei Wünsche, Vater
Poseidon, freigestellt: Erfülle davon einen,
vernichte meinen Sohn! Er soll den heutgen Tag
nicht überleben, gabst du echte Wünsche mir!“
- Eur. Hipp. 916-920, Übersetzung nach D. Ebner
Daraufhin lässt Poseidon ein Ungeheuer aus dem Meer hervorbrechen, das Hippolytos in den Tod reißt. Der Mythos zeichnet Theseus als tragischen Herrscher, dessen unüberlegtes Urteil letztlich die eigene Familie zerstört – ein scharfer Kontrast zu dem strahlenden Befreier, der einst aus dem Labyrinth zurückkehrte.
Sarkophag mit Darstellung des Hippolytos-Mythos aus Split (1. Viertel, 3. Jh. n. Chr.). Abgebildet sind der Reihe nach Phaidra mit Dienerinnen, Eros, eine Amme und Hippolytos mit Klapptafel und Pferd, ein Jagdgefährte, eine Frau mit Kleinkind auf dem Arm, ein Bote und Theseus. Auf der linken Nebenseite sitzt ein Philosoph, auf der Rechten befindet sich ein stehender Jüngling mit Pferd (Hippolytos?).
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Weiterführende Quellen:
Euripides: Werke in drei Bänden. Hrsg. und übers. v. Ebener, D., 2. durchgesehene u. ergänzte Aufl., Berlin u. Weimar 1979.
Marie E. Wörner, 1. Semester M.A. Classics (Universität Heidelberg)