Seit jeher erkannten die Menschen die lebensspendenden Eigenschaften des in einem unerschütterlichen Rhythmus wiederkehrenden Himmelskörpers: Der Sonne. So ist es kaum verwunderlich, dass sich in diversen Kulturen Verehrungspraktiken entwickeln konnten, die der alles sehenden und alles hörenden Sonne hoch am Himmel huldigten. Die Ägypter gaben ihr den Namen Re, im antiken Japan nannte man sie Amaterasu und im Hinduismus betet man zu Ravi.
Auch der griechisch-römische Pantheon besaß mit der Gottheit des Helios bzw. Sol eine Entsprechung der Sonne. Lange Zeit blieb diese Naturgottheit jedoch formlos und ohne Kultzentrum – meinte man doch, dass sie durch ihren Stand am Himmelszelt eine weitumfassende Omnipräsenz ausübte, die keinerlei Verbildlichung bedurfte.
Nachdem im 6. Jahrhundert die ersten anthropomorphen Darstellungen der Gottheit entstand, erhält Helios als Schutzgottheit der 408 v. Chr. gegründeten Stadt Rhodos einen klaren geographischen Kultschwerpunkt. Von einer bildlosen Gottheit wandelte er sich zum identitätsstiftenden Münzmotiv des Stadtstaates und als Koloss von Rhodos brachte er es sogar zu einem Weltwunder der Antike.
Auch in Rom bestand bereits seit archaischer Zeit ein Kult für einen Sonnengott, der den Namen Sol Indiges trug. Nachdem die römische Welt nach und nach unter größeren griechischen Kultureinfluss geriet, verschmolzen die Gottheiten zur gemeinsamen Persona des Sol. Im Laufe der Kaiserzeit nahm die Beliebtheit des Gottes immer weiter zu: Vespasian weihte dem Gott eine kolossale Statue, die Roms größtem Amphitheater – dem Kolosseum – seinen Namen gab. Von den Adoptivkaisern bis zu den Severern, die Sol im Pendant zu seinem nächtlichen Gegenstück Luna verehrten, wurden zahlreiche Solprägungen ausgegeben. Unter Elagabal und Aurelian dominiert die göttliche Sonne sogar den Staatskult. Erst durch Letzteren erhält die Gottheit einen monumentalen Tempel, der es Sol ermöglicht seinen Platz in vorderster Front zwischen den alteingesessenen Hauptgottheiten einzunehmen.
Charakteristisch für Abbildungen dieses Gottes ist sein bartloses, strahlenbekränztes Haupt, dass oftmals zusätzlich von einer kreisrunden Scheibe – auch Nimbus genannt – umrahmt wird. Auf seiner tagtäglichen Reise mit seinem Sonnenwagen begleitet ihn ein von Pferden gezogenes Viergespann. Im Laufe der Kaiserzeit wurde sein Attributrepertoire um eine Weltkugel und eine Peitsche ergänzt.
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Apollo-Sol Invictus mit Nimbus und Strahlenkrone. Bodenmosaik, El Djem (Tunesien), spätes 2. Jh. n. Chr. CC 3.0: Mathiasrex |
Sol Invictus reitet in einer Quadriga – einem Pferdeviergespann. Aureus des Caracalla (Revers), Rom, 216 n. Chr., Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Obj. 18277512; RIC IV, I, 281 d |
Sol Invictus hält Peitsche und Globus in seiner Linken. Aureus des Elagabal (Revers), Rom, 221 n. Chr., KHM Wien, Obj. ID125220; RIC IV, II, 39 |
Jonas Wendtland, 5. Bachelorsemester, Universität Heidelberg