Die literarischen Erzählungen sowie auch die zahlreichen bildlichen Darstellungen von Theseus auf Vasen, Denkmälern und Münzen glorifizieren ihn als idealen Staatsheros, der die Tugenden der Tapferkeit, Gerechtigkeit und Hilfsbereitschaft in sich vereint und so den jungen Athenern als strahlendes Vorbild dient. Die Figur des Theseus spielte deshalb im Kult der Athener eine wichtige Rolle. Zeugnisse von seiner Verehrung reichen bis in das frühe 6. Jahrhundert v. Chr. In einem Heroon nordwestlich der Akropolis war ein Priester aus dem Geschlecht der Phytalidai für die Kultriten des Heros verantwortlich.
Einige Familien, deren angebliche Vorfahren Theseus vor dem Minotauros gerettet hatte, halfen den Kult zu finanzieren und die Vorstellung einer genealogischen Verbindung zur mythologischen Figur aufrechtzuerhalten. Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. weitete sich seine Popularität auf weite Teile Athens aus. Nach der Überführung seiner Gebeine von Skyros nach Athen im Jahr 475 v. Chr., wurde das Theseusheiligtum, das Theseion, neu gestaltet. Die Polis widmete ihm nun eigene Feste, die staatlich organisiert waren. Insbesondere der 8. Tag des Monats stand im Zeichen des Heros. Neben dem zentralen Theseion wurden noch drei weitere Kultstätten für Theseus in Athen und in Piräus errichtet.
In Athen stand die Verehrung von Göttern und Heroen in engem Zusammenhang mit politischen Umständen und orientierte sich maßgeblich an deren wahrgenommener Wirksamkeit in außenpolitischen Konflikten und militärischen Auseinandersetzungen. So verwundert es nicht, dass mit der machtpolitischen Expansion Athens seit den 20er Jahren des 6. Jahrhunderts v. Chr. das Bedürfnis nach einem Helden wuchs, welcher Mörder und gefährliche Tiere aus dem Weg räumte und somit die Sicherheit in der Region garantierte.
Die Orte, an denen Theseus auf die Bestien und Wegelagerer trifft, sind in der Sage jene, mit denen Athen um die Vorherrschaft in der Region konkurriert. Nach der gewonnenen Schlacht gegen die Boioter und Chalkidier 508/ 507 v. Chr. blühte nicht nur die junge athenische Demokratie auf, sondern mit ihr auch Theseus, der nach den Perserkriegen Herakles ablöste und zum führenden athenischen Heros wurde.
Als wichtigste politische Leistung wurde Theseus der Synoikismos zugesprochen, die Vereinigung Attikas. So soll er die alten politischen Institutionen der vorherigen zwölf Gemeinden aufgelöst und stattdessen eine zentrale Verwaltung eingesetzt haben. Diese Einigung und Neuorganisierung der einzelnen Dörfer verleitete einige antike Autoren sogar dazu, Theseus als Wegbereiter der Demokratie zu bezeichnen. Diese Zuschreibung mag angesichts der Tatsache, dass Theseus nach dem Tod seines Vaters als König herrschte, verwundern. Zwar gab es bereits in der Antike einige kritische Stimmen – wie beispielsweise die des Pausanias (Paus. I, 3, 3) –, die auf die Unvereinbarkeit eines demokratischen Monarchen aufmerksam machten, jedoch nahm man diesen Widerspruch zugunsten genealogischer Vertiefung sowie politischer Legitimierung in Kauf.
Meret Reinköster, 7. Bachelorsemester Alte Geschichte (Universität Heidelberg)