Auf den Aversen der bisher betrachteten Restitutionsmünzen Traians begegneten uns bereits so manche Gottheiten wie Venus oder Diana. Das ist kein Zufall, denn Götterdarstellungen finden sich ausgesprochen häufig auf den traianischen Restitutionsmünzen. Das Gleiche gilt für Personifikationen.
So zeigt der Avers der folgenden Münze das Profil der Roma, der personifizierten Stadt Rom. Auch auf der Rückseite ist sie, dieses Mal auf aufgetürmten Schilden sitzend, abgebildet. Mit dem rechten Arm stützt sie sich auf einen Speer. Ihr zugewandt steht die römische Wölfin (lupa romana), die Romulus und Remus säugt.
Der Revers führt damit zwei Zeitebenen zusammen: Romulus (hier noch in kindlicher Eintracht mit seinem Zwillingsbruder) sollte später einmal die Stadt Rom gründen. Diese sitzt in personifizierter Form bereits gegenüber – und zwar sieghaft auf den Waffen ihrer Gegner!
Rom konnte nur durch die Niederringung ihrer Feinde entstehen und groß werden. Die erste Hürde nahm dabei Romulus, als er und sein Bruder Remus gemeinsam den Usurpator Amulius stürzten und ihrem Großvater Numitor wieder zur Herrschaft über Alba Longa verhalfen. Daraufhin erhielten die Zwillinge der Legende nach die Erlaubnis, eine eigene Stadt zu gründen.
Durch den Verweis auf den römischen Urvater Roms inszenierte Kaiser Traian eine Verbindung zwischen seiner eigenen Herrschaft und Romulus. Diese symbolische Nähe wurde auch in der römischen Historiographie aufgegriffen: Noch im 4. Jahrhundert n. Chr. berichtete der Geschichtsschreiber Eutropius von Traians Assoziation mit dem mythischen Stadtgründer:
[…] ita ut Romulo Traianus aequetur.
[…] wie man Traianus dem Romulus an die Seite stellte.
(Eutr. Brev. 8, 8, übers. nach F. Hoffmann)
Es dürfte daher kein Zufall sein, dass das Motiv des Prototyps auf der Restitutionsprägung in einem entscheidenden Detail abgeändert wurde. So wird die Figur der Roma auf der Originalmünze (M2) noch von zwei Vögeln flankiert. Diese verweisen auf jene Episode im Romulus- und Remus-Mythos, welche letztlich zur Gründung Roms führte: Die Brüder trafen die Vereinbarung, dass derjenige von ihnen, der mehr Vögel vorbeiziehen sieht, der neuen Stadt einen Namen geben darf – eine Wette, die Romulus bekanntermaßen gewann.
Bei der traianischen Restitution wurden die Vögel durch Schiffsschnäbel ersetzt. Diese spitzen Verstärkungen am Bug von Kriegsschiffen dienten dem Angriff auf feindliche Schiffe und verliehen der Darstellung somit eine zusätzliche Bedeutungsebene militärischer Sieghaftigkeit.
Dieser bildliche Verweis könnte für die militärischen Erfolge Kaiser Traians stehen. Somit „kaperte“ Traian Romulus' Geschichte für sich und machte sie sich zu eigen: Wie Romulus verhalf auch er Roma zu neuer Größe, indem er das römische Herrschaftsgebiet durch seine Siege vergrößerte und auch das pomerium der Stadt Rom ausgedehnt haben soll (vgl. Seelentag 2004, 437). Das pomerium war die heilige Stadtgrenze Roms, die Romulus der Legende nach mit einer Pflugspur markiert hatte (sog. sulcus primigenius = erste Furche).
Eine solche Erweiterung der sakralen Stadtgrenze konnte nur mit einer Erweiterung des römischen Herrschaftsgebiets gerechtfertigt werden – ein Kriterium, das der Kaiser seit den Dakerkriegen und der Gründung der Provinz Dacia (106 n. Chr.) zweifellos erfüllte.
Ähnliche Anleihen an die mythische Stadtgründung, das pomerium sowie den sulcus primigenius, das Ziehen der ersten Furche als Grenzmarkierung, finden sich auch in der regulären Münzprägung des Kaisers: Auf zwei Sesterztypen ist eine männliche Figur (vielleicht Traian) abgebildet, die mithilfe eines Ochsengespanns einen Pflug führt.
Franziska Nober, Universität Heidelberg
Weiterführende Quellen und Literatur:
Eutropius: Abriss der Römischen Geschichte, übers. F. Hoffmann. Stuttgart 1829.
Seelentag, G: Taten und Tugenden Traians. Herrschaftsdarstellung im Principat, Stuttgart 2004.