Den Künsten der Sieg, den Siegern die Kunst! – Antike Kunstwerke auf Napoleons Medaillen

Napoleon wurde nicht nur als großer Feldherr inszeniert, ihm wurde propagandistisch auch oft eine besondere Affinität zur Kunst und Kultur zugesprochen. Damit stellte er sich in die Tradition der Renaissancefürsten und ihren bedeutenden Kunstsammlungen. So wurde Napoleon auf seinen Unternehmungen meistens von Wissenschaftlern, Zeichnern und Kunstkennern (darunter meist Dominique-Vivant Denon) begleitet, die die zum Beispiel in Ägypten gefundenen, oder aber auch in Italien und anderswo geraubten Kunstwerke und Artefakte dokumentierten. Vor allem die geraubten Kunstwerke standen dabei nicht nur für die angebliche Kunstaffinität Napoleons, sondern sollten auch dezidiert den Sieg über das Herkunftsland der Artefakte symbolisieren. Vor allem während des Italienfeldzuges in den Jahren 1796 und 1797 wurden die italienischen Museen durch französische Delegationen geplündert. Dieser Kunstraub war hochgradig systematisch und ging sogar so weit, dass Kunstexperten nach italienischen Katalogen Liste der gewünschten Objekte anfertigten (Wescher 1976 S.55). 

Abb.1: Eine Statue des Nils, die Napoleon aus den Vatikanischen Museen nach Paris bringen ließ (F. Bucher, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons)
Abb.2: Die Nilpersonifikation auf dem Avers einer Medaille 
auf die Eroberung Unterägypten, nach 1806

Entsprechend prominent wurden die geraubten Kunstwerke bei der Rückkehr Napoleons aus Italien inszeniert. Vor allem die antiken Statuen und Artefakte aus den italienischen Museen wurden dem Pariser Publikum am 27. Juli 1798 in einer scheinbar endlosen Kolonne der „Monuments des Sciences et Arts“ präsentiert. Auf einem mitgeführtem Plakat war zu lesen: „Griechenland gab sie [die Statuen] her, Rom verlor sie/ Ihr Schicksal wechselte zweimal / es wird nicht mehr wechseln.“(Wescher 1976, S.74 – 75). Angeführt wurde diese Kolonne mit der Präsentation einer römischen Nilstatue, die aus den Vatikanischen Museen in das Pariser Musée Napoléon (dem heutigen Louvre) gebracht wurde (Abb.1). Eben diese Statue findet sich prominent auf einer Medaille, die an den Ägyptenfeldzug erinnert (Abb.2).  

Die Nilpersonifikation bietet sich freilich als Medaillensymbol für das eroberte Ägypten an, eine solche Darstellung hat aber überdies antike Vorbilder.

 

Abb.3: Der Revers eines Hadrianischen
Denars mit Nilflussgott, 134 - 138 n. Chr.

 

So findet sich eine ähnliche Abbildung beispielsweise auf einem Denar des römischen Kaisers Hadrian (Abb.3). In der Abbildung der Nilstatue konnten also an zwei napoleonische Siege auf nur einer Medaille erinnert werden: Durch seine Identifikation als Nilflussgott symbolisiert dieser das Land Ägypten. Die Details der Darstellung weisen die Abbildung als eben jene Statue aus, die als Zeichen des Sieges aus Italien nach Paris gebracht wurde. Die antiken Vorbilder des Kaisers Hadrian, die ebenfalls Nilflussgötter als Zeichen für Ägypten zeigen, erweitern die Interpretation um eine weitere Ebene, nämlich der erneuten Parallelisierung mit einem römischen Kaiser. 

 

 

Ein ähnliches Schicksal wie die Statue des Nils ereilte die so genannte Venus Medici im Jahr 1803, als sie unter Protest der Italiener von Florenz für 12 Jahre nach Paris gebracht wurde. Dort wurde die damals wohl berühmteste Frauenstatue der Antike im neu benannten Musée Napoléon ausgestellt (Abb.4). Die Venus Medici ziert sogar zwei Medaillen. Auf einer Medaille, die den Besuch Napoleons im Musée Napoleon feiert und diesem zu dieser Gelegenheit überreicht wurde, erscheint die Venus Medici auf dem Revers. Sie ist von der Seite abgebildet und blickt dadurch den Betrachter direkt an (Abb.5).

Abb.5: Der Revers einer Medaille
auf das Musée Napoleon, 1803
Abb. 4: Die Venus Medici
(Yair Haklai, CC BY-SA 4.0
,
via Wikimedia Commons)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Legende verkündete das Motto des Museums, für das die Venus symbolisch abgebildet wurde: Aux Arts la victoire - Den Künsten den Sieg. Angesichts der Vorgeschichte der Venus Medici und ihrem Raub aus Italien könnte man diesen Wahlspruch auch anders lesen: „Den Siegern die Kunst.“

Abb. 5: Der Revers einer Medaille auf die Kuhpockenimpfung, 1804

Die zweite Medaille, welche die Venus abbildet, wurde zur Feier der erfolgreichen Impfung gegen die Kuhpocken 1804 geprägt (Abb.5). Auf dem Revers befindet sich die Darstellung des antiken Heilgottes Asklepios, der die Medizin repräsentiert. Erkennbar ist er an seinem Stab mit der sich darum windenden Schlange. Neben ihm steht die Venus Medici. Die Darstellung der Statue ist auch in diesem Fall äußerst raffiniert: Ein Attribut der ansonsten unbekleideten Statue ist der Armreif, den die Venus am Oberarm trägt. Dieses Attribut wurde hier kurzerhand umgedeutet und stellt im Medaillenbild den Impfverband dar. Den rechten Arm, welchen die Venus erhoben hat, um ihre Nacktheit zu verbergen, weist damit zugleich auf den Verband und zeigt die durchgeführte Schutzimpfung an. Die Darstellung ist ein schönes Beispiel dafür, wie auf den Medaillen antike Motive den zeitgenössischen Ereignissen angepasst wurden, um ihnen damit historische Tragweite zu verleihen. 

Abb.6: Der Bonus Eventus auf einem Avers einer Medaille auf die Rückkehr 
Napoleons nach Frankreich, nach 1808

Ebenfalls eine historische Tragweite vermittelt das Motiv einer Medaille zur Feier der Rückkehr Napoleons aus Ägypten im Jahr 1799 (Abb.6). Diese Medaille wurde einige Jahre nach dem Ereignis selbst geprägt und verweist prophetisch auf den erfolgreichen Staatsstreich Napoleons im November 1799. Der Avers der Medaille zeigt die römische Gottheit Bonus Eventus, also des guten Ausganges, was hier als Hinweis auf die Machtübernahme Napoelons einige Monate nach seiner Rückkehr aus Ägypten verweist. Der Einsatz des Bonus Eventus ist ähnlich aufgebaut wie die Wahl des Motivs der Nilflussgottheit des Averses der Medaille auf die Eroberung Unterägyptens.

 

Auch hier liegt der Darstellung ein antikes Münzmotiv zu Grunde, etwa ein As des römischen Kaisers Antoninus Pius, dessen Revers ebenfalls den Bonus Eventus abbildet (Abb.7).

Das Motiv wurde zudem wohl in Anlehnung an eine antike Plastik entworfen, einer Apollonstatue aus der Sammlung des Kardinals Richelieu, die zu der Zeit der Medaillenentstehung fälschlicherweise mit den Attributen des Bonus Eventus rekonstruiert wurde (Abb. 8, Zeitz 1999, S.124). Ann Mudie Scargill erwähnt in ihrer Medaillenbeschreibung des Jahres 1820, dass sich die einzige überlieferte Statue eines Bonus Eventus im Musée Napoléon befunden habe (Scargill 1820, S.10), was im Medaillenbild als weiterer Verweis auf einen vermeintlich einzigartigen Schatz im Louvre und die archäologische Wissenschaft der Rekonstruktion angeklungen haben könnte. Auch in diesem Medaillenbild überlagern sich also verschiedene Ebenen: Als Grundlage wählte Denon ein antikes Münzmotiv, das auch ideologisch zu der Botschaft nach Napoleons Rückkehr aus Ägypten passte: Napoleon ließ sich als rückkehrender Held feiern, was er mit dem Gott des guten Ausgangs feiern ließ. Zudem erinnert die Abbildung der Medaille an eine antike Statue, mit der überdies die Pariser Kunstsammlungen gefeiert und ihre Bedeutung zur Schau gestellt werden konnte. 

Abb. 7: Sog. Kasseler Apollon, zur Zeit
Napoleons als Bonus Eventus gedeutet
 (Ladislav Luppa - Own work, CC BY-SA 4.0,
 
Abb. 7: Der Bonus Eventus auf einem
As des Kaisers
Antoninus Pius, 
140 - 144 n. Chr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur: 

Scargill, Anne Mudie: The Medallic History of Napoleon Bonaparte, translated from the Original Manuscript, intended to have been published by the late Government of France, London 1820.  

Wescher, Paul: Kunstraub unter Napoleon, Berlin 1976.

Zeitz,Lisa: Die ersten Medaillen aus Napoleons Histoire Métallique, in: Pantheon, No 57 (1999), S.116 – 126. 

Zeitz, Lisa und Joachim: Napoleons Medaillen, Petersberg 2003. 

 

Sophie Preiswerk, B.A. (Universität Heidelberg) 

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